Als Thema des diesjährigen
APS-Kongresses wurde "Identität" gewählt und damit ein weiter Raum für tolle Vorträge, Podiumsdiskussionen, Seminare und Kaffeepausengespräche geöffnet. Einen sehr spannenden Vortrag hielt Prof. Dr. med D. Hell zu der Veränderung des Identitätsverständnisses. Er beschrieb das (Postmoderne) Phänomen der Abkehr von dem christlich-jüdischen Monothismus. Seiner Meinung nach geht damit auch die Abkehr von einem Monopsychismus - eine einheitliche Seele und ein einheitliches Selbst - einher. Durch die wachsende Globalisierung und damit der Möglichkeit paralleler Lebendwelten, verbreitet sich mehr und mehr der Polytheismus und Polypsychismus - ein Vorhanden-sein von mehreren Seelen- bzw. Identitätsteilen, sogenannten "Subselfs".
Stimmt das? Ich kann diesen Wahrnehmungen nur zustimmen. Ok, ein kleines plastisches Beispiel: in den letzten 24 Tagen bin ich 4200 (!!) km mit dem Auto gefahren (München, Florenz, Pisa, Kitzingen, Leipzig, Bautzen, Dresden, Marburg, Würzburg, Kitzingen,..). In der Zeit war ich in unzähligen verschiedenen Rollen/ Wesenszügen.. um mal einige zu nennen: Diplomantin, Urlauberin, Beraterin, Frau, Freundin, WG-mitbewohnerin, Gemeindeleiterin, Schwester, Gottes Ebenbild, Tochter, Enkelin, Sportlerin, Trainerin, Genießerin, Lastenträgerin, Grenzensetzende, Organisatorin, Starke,.... und so weiter. Das alles bin ICH. Aber kann ich das bei so vielen Anteilen und schnellen Wechseln noch wahrnehmen?
D. Hell sprach von der Herausforderung eine "Ich-Identität zu erringen, die ganz ist, auch wenn sie verschiedene Wesenfacetten hat". Er beschrieb die Seele mit dem Bild der Taube - verknüpft mit Frieden, Freiheit, Hoffnung und Gottes Geist. Damit das nicht kaputt geht, apellierte er daran, sich "Zeit zu nehmen für das Innere" (je stärker der Druck von außen ist, desto wichtiger ist diese Zeit) - oder knapp formuliert: "Je mehr High-Tech es gibt, desto mehr High-Touch benötigen wir!" Abschließend warnte er vor der Gefahr, das Selbstbilder (und damit Rollen und Wesenszüge) wichtiger werden, als das Selbsterleben (spüren, innewerden, bewusst wahrnehmen).
Auch dem kann ich zustimmen. Nochmal ein konkretes Beispiel: heute bin ich mit Decke, Bibel, Blätter, Kaffee, Becks ;-), Obst und Wasser auf einen Berg gebiket. Und hab genau das gemacht... mir Zeit genommen. 4 Stunden lang. Um nochmal über die vielen Rollen auf den 4200km nachzudenken und Gott zuzuhören. Ich habe überlegt, welche Identitätsteile mich Kraft gekostet haben und in welchen Rollen ich als Ganze Person Kraft bekomme. Und mir sind 4 Rollen aufgefallen, nach denen ich Sehnsucht hab, die es aber in den letzten 24 Tagen (fast) nicht gab: die Schwache, Zurückgezogene, Getragene & Fehlerhafte.
Könnte das auch eine Gefahr sein, von postmodernen Identitätsentwicklungen - fehlende oder wenige Möglichkeiten für Schwäche, Angst, Zweifel, Fehler, Scham,..?
Wir erlebt ihr aktuelle Identitätsentwicklungen? Gibt es da Parallelen mit dem von D. Hell beschriebenen "Polypschismus"?