Samstag, 31. Januar 2009

Gebrochene Flügel brauchen Zeit, um zu heilen.

Die letzten zwei Tage referierte Inge Tempelmann im Rahmen einer Traumatherapieweiterbildung zu dem Thema "Geistlicher (religiöser) Missbrauch".
Dabei durchstreifen wir Kirchengeschichtliche Missbrauchssituationen, Grenzen und Grenzverletzungen, Definitionen (Betroffen kann jeder sein - Menschen in Leitungsfunktion oder Mitglieder), Abgrenzungen, die Motivationen (auch die Haltung von Jesus, Unterdrückungen aufzudecken), die Frage des "Warum" und sehr ausführlich die Prozesse der Bewusstseinskontrolle/ Gedankenumbildung (von Robert J. Lifton). Er hat 8 Kriterien, zur Beeinflussung Dritter ohne deren Willen, herausgearbeitet - die sich auch in religiösen Systemen identifizieren lassen.
1. Milieukontrolle
2. Mystizistische Manipulation
3. Manipulation der Sprache
4. Heilige Wissenschaft
5. Foderung von Reinheit
6. Beichtkult
7. Die personbeherrschende Doktrin
8. Zu- und Aberkennung der Existenzberechtigung

Ein zweiter große Block nahm die Frage der religiösen Sucht ein - im Zusammenhang mit Ermahnung/ Korrektur, Scham und rituellem Missbrauch. Im letzten Teil beschäftigten uns die Folgen der Verwundungen, Symptome solch einer Traumatisierung. Schritte der Heilung (v.a. die Gefühle 'Trauer' und 'Wut') und Anregungen für Gemeinden im Umgang mit Betroffenen.

Eine der für mich brennensten Fragen ist: Wie sehen die Gefahren (die missbräuchlichen Dynamiken) in Postmodernen Gemeindestrukturen aus???

Hier mal ein paar spontane Fragen:
> Wenn "Macht" nicht mehr durch Hierarchie bestimmt wird (da Strukturen dezentraler sind), wird dann der Charakter mehr Einfluss auf 'Macht' haben?
> Besteht anstelle der 'Bewusstseinskontrolle' vielleicht viel mehr die Gefahr einer 'Gefühlsbeeinflussung' - sei es durch Geschichten, Bilder oder Musik?
> Kann das starke Festhalten einer lohnenswerten Vision ('missionales Leben') ein missbrächliches Setting begünstigen, da Leiter oder ganze Netzwerke, sich schon so lange da hinein investieren (und 'loslassen' damit erschwert wird)?
> ???

Was denkst du dazu??

**
Ein Zitat von Dr. Paul Martin (Leiter eines Therapiezentrums für Sektenaussteiger):
"Wer steht in der Gefahr, in solche Systeme hineinzugeraten? Grundsätzlich jeder, und besonders die, die von sich behaupten, dass es ihnen niemals passieren könnte."

6 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hier mal ein paar spontane Fragen:
Wenn "Macht" nicht mehr durch Hierarchie bestimmt wird (da Strukturen dezentraler sind), wird dann der Charakter mehr Einfluss auf 'Macht' haben?

Theoretisch müsste sich der Charakter dann mehr durchdrücken. Andererseits sehe ich etwas die Gefahr, dass durch dezentrale Strukturen nicht mehr "glasklare" Ansichten vorherrschen, sondern sich mehr Patchwork-Glaube ausbreitet. Das kann ich nur schwer abschätzen, reicht die Korrektur des Kollektivs aus, um einigermaßen die reine Lehre zu erhalten oder verwässern wir unseren Glauben selbst? Wer wacht über die Reinheit der Lehre? Ich weiß es nicht. Wachsam sein.

Besteht anstelle der 'Bewusstseinskontrolle' vielleicht viel mehr die Gefahr einer 'Gefühlsbeeinflussung' - sei es durch Geschichten, Bilder oder Musik?

Möglich. Halte ich aber für gering. Mit Geschichten mag es noch am einfachsten gehen, Bilder und Musik sind letztlich doch nur Transportvehikel, um Gefühle zu erzeugen. Sonst würdest Du jemanden absprechen, der seinen Lobpreis durch Bilder ausdrückt. "9 Wege Gott zu lieben".

Die meiste Gefahr geht denke ich von Ansprache und verbaler Beeinflussung aus, wie stelle ich jemanden und seinen Glauben dar, spreche ich ihm den Glauben ab, weil er etwas tut.

Bei einer Freundin war es so. Sie wurde mißbraucht, zuerst körperlich durch einen der Leiter und dann wurde es totgeschwiegen. Als sie sich dann über die Gemeindeleitung versuchte zu beschweren, wurde sie als "ungläubig" hingestellt (in Kurzform). Das wurde dann mit einer Überzeugung gemacht, da geht mir das Messer in der Tasche auf. Das perfide an der Sache war, dass es nicht nur wenige Menschen waren, die hier agiert haben, sondern eine ganze Gemeinde von ihrer Richtigkeit überzeugt war. Übrigens eine sehr charismatische Gemeinde. Wobei ich nicht einfach alle charismatischen in einen Topf werfen will. Die Menschen sind es, die mißbrauchen.

Kann das starke Festhalten einer lohnenswerten Vision ('missionales Leben') ein missbrächliches Setting begünstigen, da Leiter oder ganze Netzwerke, sich schon so lange da hinein investieren (und 'loslassen' damit erschwert wird)?
???

Ich denke ja. Mir fallen zu der Frage spontan Assoziationen zu "Elite" - "Ausgrenzung" - "Modernes Leben" ein. Das ist auch etwas was ich an mir beobachte: Ich muss aufpassen, dass ich nicht überheblich über "Normalos" (Landeskirchen-Christen) denke oder rede. Nur weil ich es in der Landeskirche nicht erfahren habe, heißt es nicht das es dort keine Bibel-Exegese oder wirklich gelebten Glauben gibt. Ich weiß, dass es in der kath. Kirche neben dem offiziellen Statement am Sonntag im Godi auch andere Bestrebungen gibt, die sich mehr am direkten Glauben orientieren, weniger Personenabhängig. Die aktuelle Diskussion um den Papst und Piusbrüder ist da auch wenig hilfreich.

Deswegen ist dein letzter Satz wichtig: Wachsam sein und immer wieder selbst in Frage stellen.

Kerstin hat gesagt…

Hi Thomas,
jetzt mal ein Statement meinerseist zu deinen Fragen.

"Reinheit der Lehre" stammt als Begriff aus dem Buddhismus (mit dem Ziel, sich gegen Alt Atlantische Praktiken der Schwarzen Magie zu wenden). Wahrscheinlich drückt diese Wortgruppe aber für dich etwas anderes aus?!
Ich selbst wünsche mir, dass keine "glasklaren Ansichten mehr vorherrschen" (mit denen ich dann über 'drin' und 'draußen' entscheide). Ich träume von Begegnungen mit Gott und Menschen, die verändern: wo jeder wertgeschätzt & respektiert wird - wo aus der Beziehung heraus Veränderung passiert - wo Fehler gemacht werden dürfen - wo Begeisterung wächst, Jesus noch näher kennen zu lernen & ihm nachzufolgen - wo das größte Ziel ist Matt 22,37-40 zu leben und andere darin zu fördern ("Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt1« (5.Mose 6,5). Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3.Mose 19,18). In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.")

Vielleicht sieht das oberflächlich wie "Patchwork-Glaube" aus (genau das hätten die Pastoren und Lehrer vor 2000 Jahren vermutlich Jesus und seinen Nachfolgern vorgeworfen, da sie gegen viele "Regeln" der damaligen Kirchen/ Gemeinden verstoßen haben).
Für mich ist der Maßstab (so gut ich dazu fähig bin) nicht "Reinheit", sondern "Liebe".

Anonym hat gesagt…

Hallo Kerstin,
ich stimme mit dem von Dir geschriebenen überein. Ich will meine Aussagen etwas spezifizieren, damit Du besser verstehst, was ich meinte.
Ich unterscheide zwischen Gesetz/Lehre und der Umsetzung im täglichen Leben. Mit dem Buddhismus habe ich nichts am Hut. Ich will es an einem Beispiel erläutern: Scheidung. Für Scheidung hat Jesus nur eine Möglichkeit aufgezeigt, bei Ehebruch des ungläubigen Partners. Alles andere wird ganz klar abgelehnt. Die Hintergründe damals waren sicher andere als heute, aber wie schaut es denn heute in der Gesellschaft und auch bei uns Christen aus? Meiner Meinung nach wird häufig vorschnell von "es geht einfach nicht mehr" gesprochen und geschieden. Es wird zu wenig Verbindlichkeit in die Ehe gelegt, zu wenig Heilung von Gott angenommen. Und diese klare Linie erlebe ich immer wieder, wie sie verwässert wird. Wenn etwas mir nicht passt, dann ignoriere ich das im Glauben oder nehme schnell den "Ich stehe unter Gnade"-Joker und mache es. Überspitzt ausgedrückt. Oder jemand weiß es, sagt es aber nicht so hart, weil er es selber nicht einhalten kann oder konnte. Nur wie wirkt das auf den heranwachsenden Christen, der von dem Menschen beeinflusst wird? Er bekommt nur noch eine Teilmenge unseres Glaubens mit. Das meinte ich mit Patchwork-Glaube, ich nehme mir das, was mir gefällt, füge vielleicht noch etwas anderes hinzu und fertig ist mein Glauben. Erlebe ich einfach immer wieder. Deswegen die Frage nach der Korrektur. Mir fällt dazu aber gerade noch was anderes ein: Wir haben natürlich auch unterschiedliche Bibelauslegungen. Das Thema ist nicht einfach ... Wichtiger ist authentisches Leben. Jeder hat seinen blinden Fleck.

Der ganz andere Teil ist die Umsetzung von mir/Dir/Christen. Da gibt es klar nur die einzige Maßgabe, "Liebe".

War das jetzt verständlicher? Mit Drinnen-Draußen bleib mir weg. Das ist nicht mein Ding, müsste ich ja selber dauernd ausgrenzen ;-) Oder ist die ganze Geschichte eine Sache, dass wir völlig auf Gott vertrauen müssen, dass der Heilige Geist wirkt und das richtige inspirieren wird? Mir ist halt das Negativbeispiel mit meiner Freundin sehr präsent. Wie können solche Verfehlungen kontrolliert werden? Wer wacht darüber?

Kerstin hat gesagt…

Hi Thomas,
ja, jetzt ist es für mich verständlicher. Danke!
Hab grad nochmal darüber nachgedacht - irgendwie hat das ganze ja sehr viel mit den eigenen Werten zu tun und dem, wie ich gerne Veränderung bei anderen erreichen möchte. Dazu hatte ich letztens ein tolles Mentoringgespräch.. und interessant ist, das Jesus eine Vielzahl an "Methoden" (oder besser: "Möglichkeiten") hatte, bei Menschen die ihm begegnet sind, Veränderung zu erreichen (ist total spannend, danach suchend mal die 4 Evangelien durchzulesen!).
Ich merke für mich, dass es ist Spannung ist und bleibt.. auf der einen Seite an der Wahrheit (Jesus selbst) festzuhalten, das selbst zu leben und auszustrahlen und auf der anderen Seite (gleichzeitig) zu lieben. Praktisch sieht das für mich so aus: ich rede mit Menschen über Dinge, die ich anders sehe (v.a. wenn es Freunde sind oder ich ihnen gegenüber in einer Verantwortlichen Position bin, z.B. Leitung). Das heißt dann, dass ich ihnen beschreibe, was ich glaube + warum; dass ich sage, dass es nicht um verurteilen geht (weil ich das gar nicht kann und will), sondern darum, mich Gott hinzugeben und herauszufinden, wie er mich und die Welt sieht.
Das ist für mich ein Unterschied zu (flapsig gesagt): "den Heiligen Geist machen" lassen.. weil Gott durch MICH (und dich, und jeden) etwas in Bewegung bringt, aber ohne das ich der "Kontroller" bin. Weißt du wie ich das meine? (Und ich gebe zu, es ist ein Spannung)

Auf einem ganze anderen Blatt steht für mich Missbrauch. Da ist meiner Meinung nach JEDER umgehend aufgefordert zu handeln! Zuerst immer mit der Betreffenden Person selber (Gespräch; Ermutigung für (Trauma)therapie; in Absprache die Polizei einschalten).
Leider ist Missbrauch aber in den allermeisten Fällen nicht bekannt - sei es in Gemeinden oder Familien. Darum ist es leider (!!) auch kaum möglich, das zu kontrollieren oder bewachen. Was aber möglich ist, ist darüber zu reden (Aufklärungsarbeit)!
z.B. 1) Jedem Menschen (und v.a. Kinder u. Jugendliche) bewusst zu machen, dass nur sie SELBST bestimmen dürfen, wer ihren Körper oder ihre Seele berührt! Niemand sonst (Gott nicht, und auch kein Pastor, etc.);
2) Immer wieder Informationen über (geistlichen/ körperlichen/ rituellen) Missbrauch weiterzugeben und entsprechende Kontaktadressen (Internetseiten, Therapeuten, Kliniken, Selbsthilfegruppen) leicht zugänglich zu haben.
3) Und Menschen darauf anzusprechen, bei denen wir eine Form von Missbrauch erahnen.. aber SENSIBEL!!

Anonym hat gesagt…

Hi Kerstin,

Tja, Werte ... waren wir da nicht schon mal
;-)
Die Methoden, keine war wie die andere, wenn ich es richtig mitbekommen habe. Individuell, wie wir auch sind!

Die Spannung habe ich auch. Aktuell suche ich einen Weg, einen Mißstand im Freundeskreis anzusprechen, weil ich meine Verantwortung darin sehe. Nur wie ansprechen, ohne zu vergrätzen? Wie weit kann ich so etwas laufen lassen, ohne dass ich mich schuldig mache? Oder nur Beten und Hoffen? Ich merke, dass mir einfach Autorität fehlt, da klar einzuschreiten. Oder der Mut.

Ja, ich weiß, was Du mit "Kontroller" meinst. Da musste ich viel lernen und muss es noch. Loslassen - Demut - Einlassen - Folgen. Die Spannung geht für mich noch weiter; momentan erkenne ich meine Schwachheit, hätte also allen Grund mal IHN machen zu lassen. Trotzdem tue ich mir schwer, mich nicht damit zu beschäftigen, die Baustelle offen zu lassen. Verstehst Du, was ich meine?

Und wie soll ich dann "Licht" sein? Im Moment fühle ich mich schwach und ausgelaugt.

Mißbrauch kannst Du sicher nicht kontrollieren. War für mich nur ein negatives Beispiel, wie sich eine Gemeinde "verrennen" kann. Und dann eben die Frage, welche Kontrollmechanismen haben wir, wenn wir uns dezentral organisieren, bezogen auf Cluster? Reicht es, regelmäßig "Botschafter" aus anderen Kreisen beiwohnen zu lassen, die nicht tagtäglich damit involviert sind?

Kerstin hat gesagt…

Hab grad gesehen, dass Peter heute noch einen Blogeintrag zu "reiner Lehre" gemacht hat: http://www.elia-gemeinschaft.de/wordpress/2009/02/16/emerging-church/abschied-von-der-reinen-lehre

Zu den Fragen: Normen & Werte haben und ansprechen, Konsequenzen daraus und viele Fragen, wie wir das leben können - im neuen Post bei Christoph (http://ruhepuls.wordpress.com/2009/02/16/verletzte-werte/) oder mir.