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Sonntag, 24. Mai 2009

Polypsychismus

Als Thema des diesjährigen APS-Kongresses wurde "Identität" gewählt und damit ein weiter Raum für tolle Vorträge, Podiumsdiskussionen, Seminare und Kaffeepausengespräche geöffnet. Einen sehr spannenden Vortrag hielt Prof. Dr. med D. Hell zu der Veränderung des Identitätsverständnisses. Er beschrieb das (Postmoderne) Phänomen der Abkehr von dem christlich-jüdischen Monothismus. Seiner Meinung nach geht damit auch die Abkehr von einem Monopsychismus - eine einheitliche Seele und ein einheitliches Selbst - einher. Durch die wachsende Globalisierung und damit der Möglichkeit paralleler Lebendwelten, verbreitet sich mehr und mehr der Polytheismus und Polypsychismus - ein Vorhanden-sein von mehreren Seelen- bzw. Identitätsteilen, sogenannten "Subselfs".
Stimmt das? Ich kann diesen Wahrnehmungen nur zustimmen. Ok, ein kleines plastisches Beispiel: in den letzten 24 Tagen bin ich 4200 (!!) km mit dem Auto gefahren (München, Florenz, Pisa, Kitzingen, Leipzig, Bautzen, Dresden, Marburg, Würzburg, Kitzingen,..). In der Zeit war ich in unzähligen verschiedenen Rollen/ Wesenszügen.. um mal einige zu nennen: Diplomantin, Urlauberin, Beraterin, Frau, Freundin, WG-mitbewohnerin, Gemeindeleiterin, Schwester, Gottes Ebenbild, Tochter, Enkelin, Sportlerin, Trainerin, Genießerin, Lastenträgerin, Grenzensetzende, Organisatorin, Starke,.... und so weiter. Das alles bin ICH. Aber kann ich das bei so vielen Anteilen und schnellen Wechseln noch wahrnehmen?
D. Hell sprach von der Herausforderung eine "Ich-Identität zu erringen, die ganz ist, auch wenn sie verschiedene Wesenfacetten hat". Er beschrieb die Seele mit dem Bild der Taube - verknüpft mit Frieden, Freiheit, Hoffnung und Gottes Geist. Damit das nicht kaputt geht, apellierte er daran, sich "Zeit zu nehmen für das Innere" (je stärker der Druck von außen ist, desto wichtiger ist diese Zeit) - oder knapp formuliert: "Je mehr High-Tech es gibt, desto mehr High-Touch benötigen wir!" Abschließend warnte er vor der Gefahr, das Selbstbilder (und damit Rollen und Wesenszüge) wichtiger werden, als das Selbsterleben (spüren, innewerden, bewusst wahrnehmen).
Auch dem kann ich zustimmen. Nochmal ein konkretes Beispiel: heute bin ich mit Decke, Bibel, Blätter, Kaffee, Becks ;-), Obst und Wasser auf einen Berg gebiket. Und hab genau das gemacht... mir Zeit genommen. 4 Stunden lang. Um nochmal über die vielen Rollen auf den 4200km nachzudenken und Gott zuzuhören. Ich habe überlegt, welche Identitätsteile mich Kraft gekostet haben und in welchen Rollen ich als Ganze Person Kraft bekomme. Und mir sind 4 Rollen aufgefallen, nach denen ich Sehnsucht hab, die es aber in den letzten 24 Tagen (fast) nicht gab: die Schwache, Zurückgezogene, Getragene & Fehlerhafte.
Könnte das auch eine Gefahr sein, von postmodernen Identitätsentwicklungen - fehlende oder wenige Möglichkeiten für Schwäche, Angst, Zweifel, Fehler, Scham,..?

Wir erlebt ihr aktuelle Identitätsentwicklungen? Gibt es da Parallelen mit dem von D. Hell beschriebenen "Polypschismus"?

Samstag, 31. Januar 2009

Gebrochene Flügel brauchen Zeit, um zu heilen.

Die letzten zwei Tage referierte Inge Tempelmann im Rahmen einer Traumatherapieweiterbildung zu dem Thema "Geistlicher (religiöser) Missbrauch".
Dabei durchstreifen wir Kirchengeschichtliche Missbrauchssituationen, Grenzen und Grenzverletzungen, Definitionen (Betroffen kann jeder sein - Menschen in Leitungsfunktion oder Mitglieder), Abgrenzungen, die Motivationen (auch die Haltung von Jesus, Unterdrückungen aufzudecken), die Frage des "Warum" und sehr ausführlich die Prozesse der Bewusstseinskontrolle/ Gedankenumbildung (von Robert J. Lifton). Er hat 8 Kriterien, zur Beeinflussung Dritter ohne deren Willen, herausgearbeitet - die sich auch in religiösen Systemen identifizieren lassen.
1. Milieukontrolle
2. Mystizistische Manipulation
3. Manipulation der Sprache
4. Heilige Wissenschaft
5. Foderung von Reinheit
6. Beichtkult
7. Die personbeherrschende Doktrin
8. Zu- und Aberkennung der Existenzberechtigung

Ein zweiter große Block nahm die Frage der religiösen Sucht ein - im Zusammenhang mit Ermahnung/ Korrektur, Scham und rituellem Missbrauch. Im letzten Teil beschäftigten uns die Folgen der Verwundungen, Symptome solch einer Traumatisierung. Schritte der Heilung (v.a. die Gefühle 'Trauer' und 'Wut') und Anregungen für Gemeinden im Umgang mit Betroffenen.

Eine der für mich brennensten Fragen ist: Wie sehen die Gefahren (die missbräuchlichen Dynamiken) in Postmodernen Gemeindestrukturen aus???

Hier mal ein paar spontane Fragen:
> Wenn "Macht" nicht mehr durch Hierarchie bestimmt wird (da Strukturen dezentraler sind), wird dann der Charakter mehr Einfluss auf 'Macht' haben?
> Besteht anstelle der 'Bewusstseinskontrolle' vielleicht viel mehr die Gefahr einer 'Gefühlsbeeinflussung' - sei es durch Geschichten, Bilder oder Musik?
> Kann das starke Festhalten einer lohnenswerten Vision ('missionales Leben') ein missbrächliches Setting begünstigen, da Leiter oder ganze Netzwerke, sich schon so lange da hinein investieren (und 'loslassen' damit erschwert wird)?
> ???

Was denkst du dazu??

**
Ein Zitat von Dr. Paul Martin (Leiter eines Therapiezentrums für Sektenaussteiger):
"Wer steht in der Gefahr, in solche Systeme hineinzugeraten? Grundsätzlich jeder, und besonders die, die von sich behaupten, dass es ihnen niemals passieren könnte."

Dienstag, 20. Januar 2009

Geheimnisse anderer Menschen ergründen..

Momentan ergründe ich gerade 26 Teilnehmer (+ mich selbst) in der Weiterbildung "systemische Therapie - Familienaufstellung"... sehr spannend :-)
Zum Auftakt beschäftigten wir uns mit Gedanken von Max Frisch, die mich sehr beeindrucken & zum Nachdenken bringen. Aber lest selbst:

"... nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig mit uns... Wir künden ihm die Bereitschaft auf, weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch auf alles Lebendige, das unfassbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, dass unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei.
"Du bist nicht", sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte: "wofür ich Dich gehalten habe." Und wofür hat man sich denn gehalten?
Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat...
Du sollst dir kein Bildnis machen, heißt es von Gott. Es dürfte auch in diesem Sinne gelten: Gott als das Lebendige in jedem Menschen, das, was nicht erfassbar ist. Es ist eine Versündigung, die wir, so wie sie an uns begangen wird, fast ohne Unterlass wieder begehen - ausgenommen wenn wir lieben."